Vielleicht gibt es Autoren, die gerne Exposés Ihrer Werke schreiben, ich habe jedenfalls noch keinen getroffen. Trotzdem solltest du dich darin üben, denn jeder Verlag, der dein Manuskript prüft, benötigt neben deiner Vita und einer Leseprobe ein Exposé.

Wenn du dich über diese Pflichtübung mit einer mehr oder weniger ambitionierten Zusammenfassung hinwegschwindelst, machst du einen Fehler. Denn kein Lektor liest dein Exposé in Ruhe und konzentriert von Anfang bis zum Ende, um sich dann eine Meinung zu bilden. Vielmehr ist er im besten Fall bereit, den ersten und vielleicht noch den zweiten Satz zu lesen, während in seinem Hinterkopf bereits die Kategorisierungen laufen: „Dilettant“, „ambitionierter Anfänger“ oder „vielleicht gut“. „Stoff ist nicht erkennbar“, „Stoff passt auf keinen Fall“ oder „Stoff könnte passen“. Selbst wenn du die Kombination „vielleicht gut“ und „Stoff könnte passen“ schaffst, musst du dir die Aufmerksamkeit des Lektors für den dritten und vierten Satz deines Exposés erkämpfen, indem du ihn mit den davor geschriebenen Sätzen fesselst.

„Schreiben“ ist im Zusammenhang mit einem Exposé eigentlich der falsche Begriff. Du musst dich dafür über dein Werk, an dem du vielleicht jahrelang hart gearbeitet hast und von dem du jede Zeile so oft gelesen hast, dass du ihren Inhalt nicht mehr richtig erkennst, erheben. Dann musst du es in einem lockeren Wurf so präsentieren, dass der Lektor gar nicht anders kann, als sich gleich auch deine Textprobe vorzunehmen.

Wenn ich selbst Exposés oder auch Pressetexte schreibe, stelle ich mir vor, dass ich in einer Wohnküche an einem Tisch in einer Ecke sitze. Eine alte, eigenbrötlerische und etwas schwerhörige Dame schneidet an der Anrichte Zwiebel und wendet mir dabei ihren Rücken zu. Ich muss ihre Aufmerksamkeit für etwas gewinnen, das ich ihr erzählen will. Wie gehe ich vor?

Würde ich ihr zum Beispiel von einem Mord erzählen, würde ich nicht damit anfangen, wie es viele Autoren in ihren Exposés tun, wer die handelnden Personen sind und wo sie leben, sondern damit, wer wen wie umgebracht hat. Ein Mord, das ist schon einmal etwas, mit dem ich ein wenig Aufmerksamkeit der schwer zugängliche Dame gewinnen könnte.

Diesen Ansatz von Aufmerksamkeit würde ich dann nützen, um ihr in höchstens zwei Sätzen den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu sagen. Zum Beispiel: Das Seltsame an diesem Mord ist, dass die Tote, deren Leiche noch warm war, als sie gefunden wurde, angeblich seit zwei Jahren auf dem Friedhof liegt. Dort gibt es einen Grabstein: geboren 1982, gestorben 2016.

Jetzt hätte ich die alte Dame vielleicht so weit, dass sie sich umdreht und sagt: Wie ist das möglich? Von nun an könnte ich genüsslich eine ihrer Fragen nach der anderen beantworten, in der Reihenfolge, in der sie sich ihr aufdrängen. Sie würde dabei ganz vergessen, dass ihre Augen vom Zwiebelschneiden tränen.

Genauso schreibst du dein Exposé. Du setzt einen Reiz, lieferst den Dreh- und Angelpunkt und beantwortest dann die Fragen, die der Lektor mutmaßlich stellen wird. Jede Stelle in deinem Exposé ist die wichtigste, aber die allerwichtigste ist der Dreh- und Angelpunkt. Sollte dir keiner einfallen, dann leg das Manuskript in den Ordner für halbgare Frühwerke und schreib ein neues Buch. Denn eine Geschichte ohne Dreh- und Angelpunkt ist keine.

Am besten überlegst du dir deinen Dreh- und Angelpunkt, bevor du dein neues Buch zu schreiben beginnst. Denn der Erfolg deines Buches hängt, vor allem, wenn du noch nicht berühmt bist und deine Leser deine Bücher noch nicht deinetwegen kaufen, wesentlich von seiner Prägnanz ab. Diesen in zwei Sätzen formulierten Dreh- und Angelpunkt braucht auch dein Verlag für die Presseunterlagen, die Marketinginformationen und den Buchrücken. Wenn ein Leser seinen Freunden erzählt, warum sie dieses Buch ebenfalls lesen sollen, wird er unbewusst damit argumentieren.

 

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