(Von Bernhard Salomon, Verleger) Eine junge Schauspielerin bat mich anlässlich des bevorstehenden Abschlusses ihres Studiums am Max-Reinhard-Seminar, ihre Bewerbungsschreiben an Theater zu überarbeiten. Sie hatte über jedes Theater und dessen Leitung recherchiert und ihr so erworbenes Wissen in das jeweilige Schreiben eingearbeitet. Eine aufwändige Strategie, die ich dennoch auch Autoren, die Manuskripte anbieten, nur empfehlen kann.

Seit dreißig Jahren gehört es zu meinem Beruf, Texte auch von Verfassern zu bearbeiten, die völlig unbelastet von professionellen Spielregeln und oft dementsprechend ungeschickt formulieren. In den vergangenen Jahren ist mir aufgefallen, dass dennoch jeder Text, der mit Einsatz geschrieben ist, ein besonderes Charisma hat. Etwas, das über einen Menschen über das Sicht- und Hörbare hinaus etwas verrät, wie ein Duft.

Auch die Bearbeitung der Bewerbungsschreiben geriet zu einer überraschend persönlichen Begegnung mit ihr, obwohl sie seit mehr als zwei Jahren in Untermiete bei mir wohnt. Ich versuchte das Zerklüftete und dabei Euphorische ihrer Texte zu belassen, um ihren „Duft“ für die Theaterleitungen zu bewahren. Die Sätze wirkten dadurch auch nach meiner Bearbeitung nicht vollends professionell, doch so sprachen daraus unter anderem Kraft und Hoffnung, zwei wesentliche Voraussetzungen, um von einem rohen zu einem geschliffenen Diamant zu werden.

Als ich fertig war, dachte ich, dass Schreibtipps, wie auch ich sie in diesem Blog gebe, wichtig sind, dass aber das allerwichtigste der „Duft“ ist, den jeder Autor hat. Denn reine Professionalität macht austauschbar, bloß professionell kann jeder werden. Das Einzigartige an den eigenen Texten wahrzunehmen ist für einen noch nicht entwickelten Autor wahrscheinlich ebenso schwierig, wie den tatsächlichen eigenen Duft wahrzunehmen. Genau darum geht es aber. Wie schaffst du das?

Sei radikal professionell, aber vergiss nie, dass die Professionalität immer nur eine Form liefert, nie einen Inhalt. Lerne die Spielregeln bis du sie kannst, und dann setze sie ein oder brich sie hemmungslos. Lass deine Einzigartigkeit die Spielregeln benützen, nie die Spielregeln deine Einzigartigkeit. Gehe, wenn du noch am Anfang bist, vorsichtig, wertschätzend und liebevoll mit dir um. Beobachte dich, so wie eine Mutter ihr Baby beobachtet. Forsche so, wie du als Autor wirklich bist, und wenn du Hinweise darauf hast, dann folge ihnen behutsam, bis sie stärker werden.

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