(Von Bernhard Salomon, Verleger) Angenommen im Zug nimmt ein Mann in einem Hugo Boss-Anzug dir gegenüber Platz und erzählt dir auf der Fahrt von Budapest nach Wien, wie mächtig und reich er ist. Wer weiß ob das stimmt, wirst du denken, und wenn er das merkt und noch mehr erzählt, wirst du ziemlich bald gelangweilt sein. Komischer Typ, wirst du denken und nicht genau wissen, was du von ihm halten sollst.

Angenommen das gleiche Abteil betritt ein Mann gefolgt von einem zweiten, der ihn fragt, ob er lieber bei der Tür oder beim Fenster sitzen will, eilig seinen Koffer in die Ablage hebt und den er um etwas zu trinken ins Bordrestaurant schickt. Selbst wenn der Mann einen unauffälligen Anzug trägt und die ganze Fahrt von Budapest nach Wien über kein Wort spricht, wirst du denken: reich und mächtig.

Genauso funktioniert das mit deinen Figuren. Du kannst stundenlang beschreiben, dass eine davon reich und mächtig ist, deine Leser werden es dir nicht wirklich glauben. Trägst du dann noch dicker auf, langweilst du sie. Wenn du dieser Figur aber eine dienstbare Entourage gibst, sind sie ohne ein einziges beschreibendes Wort von ihrer Macht und ihrem Reichtum überzeugt.

Das gilt für alle Figuren. Du kannst seitenlang beschreiben, dass eine Frau innerhalb der Firma, in der sie arbeitet, einen niedrigen Status hat und unter ihren Kollegen leidet. Du wirst nicht viel mehr als Gähnen damit ernten. Wenn du aber zwei Kollegen ungestraft abfällige Bemerkungen über sie machen lässt, denken deine Leser über die Frau: Die Arme! Und über die Kollegen: Was für Arschlöcher! Deine Leser wollen jetzt wissen, wie die Frau sich aus dieser Lage befreit und hoffen, dass ihre Kollegen die gerechte Strafe für ihr Verhalten bekommen.

Der Merksatz hier lautet: Wenn du deine Figuren nur beschreibst, bleiben sie tot. Gib ihnen das passende Umfeld und sie erblühen zu voller Wirkung. Beschreibe nicht wie eine Figur ist, sondern zeige es.

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