Die Wirkung negativer Formulierungen („Das Gras ist nicht nass“ statt „Das Gras ist trocken“) habe ich schon einmal erläutert: Wenn du von „nicht nassem“ Gras schreibst, sehen deine Leser zwangsläufig taufeuchte Wiesen oder einen besprenkelten Rasen vor sich. Wenn du von „trockenem Gras“ schreibst, hat das eine ganz andere Wirkung. Eine Regel, die du im täglichen Leben überprüfen kannst. Wenn du jemandem „kein Unglück“ statt „Glück“ wünschst, ist er wahrscheinlich verstört.

An dieser Stelle ließe sich eine lange Abhandlung über das Narrativ und die Rolle negativer Formulierungen im richtigen Leben schreiben. Ich möchte das abkürzen und zu einer Werbetafel der Wiener SPÖ kommen. „Studiengebühren – Nicht mit uns“ steht darauf. Die gefühlte Botschaft dahinter lautet: Es sollen Studiengebühren kommen, die SPÖ hat irgendetwas damit zu tun, kämpft anscheinend dagegen. Der Subtext ist: Oh Scheiße, SPÖ. Die sind ja auch noch als Opposition in Wirklichkeit machtlos, also irgendwie Opfer in der Sache.

Wüssten die Werber der SPÖ über die Funktionsweise des Wortes „nicht“ Bescheid, würden sie wohl anders formulieren und etwa bei „Freie Universitäten für alle“ landen. Ein buntes Bild von jungen Menschen, die auf den Stufen einer altehrwürdigen Universität in der Sonne sitzen, kann da als inneres Bild auftauchen. So formuliert wäre das Bildungsprogramm der SPÖ um eine echte Vision reicher. Der Subtext wäre: Wow, SPÖ. Vielleicht sollte ich doch lieber deren menschlicher Politik folgen als jener der neokapitalistischen Spaßbremsen.

Du als Autor jedenfalls solltest mit der Suchfunktion jedes „nicht“ in deinen Text aufspüren und hinterfragen.

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