Ich verstehe, dass Mary Anne Evans ihre Bücher als George Eliot publizierte. Als Mann hatte sie zu ihrer Zeit (1819 bis 1880) bessere Chancen. Wenn mir Autoren Manuskripte anbieten und in Ihrer E-Mail ein Pseudonym erwähnen, schreibe ich ihnen, dass wir grundsätzlich keine Bücher machen, deren Autoren ihre wahre Identität verheimlichen wollen. Ich werfe höchstens noch einen kurzen Blick in das Angebot, um festzustellen, ob es die Mühe wert wäre, ihm oder ihr das Pseudonym auszureden.

Denn jetzt, im Jahr 2018, ist Buch-Geschäft auch Show-Business. Ein Verlag braucht für PR und Marketing herzeigbare Autorinnen und Autoren, die mit ihrem Namen, ihrem Gesicht und ihrer Geschichte voll und ganz vor und hinter ihrem Buch stehen. Ein Pseudonym erscheint mir verschroben und ich frage mich, was für ein Problem der Autor oder die Autorin hat, mit sich selbst oder mit dem Werk. Abgesehen davon bin ich der fiktiven Identitäten schon aus dem Internet überdrüssig. Bei Büchern, die in dieser bunten Medienwelt für Authentizität und Wahrheit stehen sollten, haben sie meiner Meinung nach nichts verloren.

Dagegen argumentieren ließe sich zum Beispiel mit Elena Ferrante. Das ist das Pseudonym einer italienischen Bestsellerautorin, die Interviews nur schriftlich gibt. Bekannt von ihr ist nur, dass sie aus Neapel stammt und nicht hauptberuflich Schriftstellerin ist. Sie sei öffentlichkeitsscheu, medienfeindlich und überzeugt davon, dass Bücher nur sich selbst brauchen und sich ihre Lesere selbst suchen müssen. Außerdem eröffne die Leere die durch ihre Abwesenheit als Autorin entstehe, einen kreativen Raum.

Dass sich Bücher ihre Leser selbst suchen müssen, glaube ich auch. Tatsache ist allerdings, dass die Chance der Bücher, ihre Leser zu finden, zehn Mal höher ist, wenn ihre Autoren öffentlich auftreten.

TEILEN: Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Email to someone