Wenn mich ein unverlangt eingesandtes Manuskript nervt, ärgere ich mich manchmal über mich selbst. Als Verleger lebe ich nicht nur von Menschen, die gerne lesen, sondern auch von solchen, die gerne schreiben, und sollte Manuskripten deshalb positiv gegenüber stehen. Doch oft genug merke ich bei näherer Betrachtung des Manuskriptes, was mich daran nervt. Es ist bestenfalls ein Halbfertigprodukt. Hier gilt die Regel: Ein Manuskript, das sein Autor nicht mindestens zwanzig Mal überarbeitet hat, ist keines.

Wenn ich selbst einen Text schreibe, zumal einen anspruchsvollen wie ein ganzes Buch, sind zwanzig Überarbeitungen die Untergrenze. Im ersten Durchgang schreibe ich den Text, dann gehe ich drüber, um zu sehen, was ich da eigentlich geschrieben habe und verbessere alles, das mir auf den ersten Blick auffällt. Dann lasse ich ihn ein paar Tage liegen und gehe noch einmal drüber. Dann überarbeite ich ihn in verschiedenen Modi: Einen Durchgang widme ich der Authentizität der Figuren, einen der Einheitlichkeit der gewählten Sprache, einen der Überprüfung auf klassische Schreibfehler wie passive Sätze, Nominalstil, Verneinungen und so weiter. Bei einem Durchgang überprüfe ich die Dramaturgie, bei einem Tempo und Tempowechsel, dann lasse ich das Manuskript wieder liegen und gehe es später noch einmal mit neuen Augen durch. Dann hole ich mir Anregungen von außen, arbeite sie ein, und mache noch zwei oder drei Schlussdurchgänge, bis ich das Buch nicht mehr sehen und seinen Inhalt nicht mehr wahrnehmen kann. Dieser ganze Prozess macht Spaß.

Wer das alles nicht tut, sollte seine Manuskripte für die Lade schreiben, was ja auch Spaß machen kann. Er sollte  es jedenfalls unterlassen, mit Halbfertigptodukten Verlegern und Lektoren die Zeit zu stehlen. Wenn er es (noch) nicht besser weiß, ist das kein Problem, aber Faulheit nervt.

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