Es gibt Momente, in denen ich Verständnis für jene „Verlage“ aufbringe, die von Autoren für Manuskriptprüfungen Geld verlangen. Zum Beispiel dann, wenn mich ein Autor mit der Lebensgeschichte einer seiner Figuren behelligt. Er erklärt in seinem Werk vorweg, wer die Figur ist, woher sie kommt, wie sie worüber denkt und was sie so alles freut und schmerzt. Das ist ungefähr so, wie wenn Ihnen ein fremder Mitreisender in einem Zugabteil unaufgefordert seine Lebensgeschichte erzählt. Es dauert keine zwei Minuten, bis Sie es bereuen, sich für dieses Abteil entschieden zu haben, und sicher keine zehn, bis Sie es wechseln.

Die Lebensgeschichte einer Figur muss sich deshalb allmählich aus ihren Handlungen ergeben. Würde Ihr Mitreisender schweigen, und würden Sie zum Beispiel feststellen, dass eine Ausbeulung an seinem Sakko nach einer Waffe aussieht, würde er dann auch noch nach wenigen Minuten Fahrt aufspringen, seinen Handkoffer packen und aus dem Abteil rennen, würden Sekunden später ein gefährlich aussehender Mann und eine ebensolche Frau draußen am Gang in die gleiche Richtung rennen, würden Sie sich fragen: Was war das? Was ist die Lebensgeschichte meines eben verschwundenen Mitreisenden?

Hat ein Autor diese Neugierde einmal geweckt, kann er damit spielen. Was nicht heißt, dass er die Lebensgeschichte seiner Figur jetzt loswerden kann. Er kann vielmehr Hinweise darauf geben, die noch mehr Neugierde wecken. Stellen Sie sich vor, Ihr verschwundener Mitbewohner hätte eine Tasche in Ihrem Abteil vergessen. Sie hätten doch bestimmt Lust, reinzusehen, und was immer Sie darin fänden, würde Ihre Neugierde wahrscheinlich noch mehr anstacheln.(BS)

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