(Von Bernhard Salomon, Verleger)  Als junger Berufsautor entwickelte ich zum Training meiner Inspiration eine Übung, die den zusätzlichen Vorteil hatte, dass dabei brauchbare Kurzgeschichten entstanden, die ich in Zeitschriften oder Anthologien publizieren konnte.Da du als Autor entscheidende Dinge, wie den Gebrauch der Sprache, deine Beobachtungsgabe und eben die Inspiration regelmäßig trainieren solltest, kann ich dir diese Übung nur empfehlen. Sie geht so:

  1. Du schließt die Augen und nimmst das erste Wort, das dir einfällt. Zum Beispiel: Wasser.
  2. Du bildest einen Satz, der das Wort enthält. Zum Beispiel: Das Haus steht am Wasser.
  3. Du stellst dir vor, dass jemand diesen Satz sagt. Wie sieht er aus? Zum Beispiel: Ein Mann von etwa 50 Jahren mit muskulöser Gestalt, sonnengebräunt und schlecht rasiert, in grober Kleidung.
  4. Du fragst dich: Zu wem sagt er das? Zum Beispiel: Zu einem etwas gehetzt wirkenden jüngeren Mann in einem eleganten aber etwas durcheinander geratenen Anzug.
  5. Du fragts dich: Wo befinden sich die Beiden? Zum Beispiel: An einer Schotterstraße, auf deren einer Seite eine Maisfeld liegt, und auf der anderen eine Wiese mit einem Gehege für Schafe.
  6. Vervollständige das Bild ein wenig. Zum Beispiel: Hinter dem Mann im Anzug steht sein staubiger Sportwagen und er scheint sich unwohl zu fühlen.
  7. Du fragst dich: Was antwortet der Mann im Anzug? Zum Beispiel: „Wasser? Ähem, gibt es hier einen See?“
  8. Du fragst dich: Wie reagiert der Mann in der groben Kleidung? Zum Beispiel: Er deutet in die Fahrtrichtung des Mannes. „Sie werden es sehen“, sagt er. „Sie dürfen hier aber nicht fahren.“

Von da an ergeben sich die Fragen, die du beantworten kannst, von selbst. Zum Beispiel:

  • Warum will der Mann im Anzug zu diesem Haus, das offenbar am Wasser steht?
  • Was hat der Mann in der groben Kleidung mit der Sache zu tun, ohne dass der Mann im Anzug das zu diesem Zeitpunkt ahnt?
  • Welche entscheidende Rolle spielt es für das Geschehen, dass das Haus am Wasser steht?

Und so weiter.

Als ich einen Teil meines Einkommens noch mit dem Verkauf von Kurzgeschichten bestritt, überraschten mich die Kurzgeschichten, die bei dieser Übung entstanden, oft selbst. Sie kommen nicht aus dem Kopf, wo wir eher das Erwartbare produzieren, sondern aus dem Bauch. Ich stellte fest, dass der Markt das honoriert. Es war einer meiner wichtigsten Beobachtungen während meiner Anfänge als Berufsautor, dass ich diese Kurzgeschichten an bessere Magazine verkaufen konnte und höhere Honorare dafür bekam.

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