Nachdem ich dir in meinem jüngsten Beitrag erklärt habe, warum die Erzählperspektive so elementar für deine Geschichte ist, möchte ich dir auch gleich die erste, vielleicht berühmteste, vorstellen: die auktoriale oder allwissende Erzählperspektive.

Du weißt bestimmt, was sie bedeutet: Ein allwissender Erzähler beschreibt, meistens im 3. Fall Singular, was passiert. Zudem weiß er über die Gefühle aller Protagonisten Bescheid, über ihre Gedanken und Ängste, ja, sogar über mögliche dunkle Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit.

Was du vielleicht nicht weißt: Bei dieser Erzählperspektive handelt es sich um die älteste, die unsere Literatur kennt. Bereits die großen antiken Epen Homers, die „Illias“ und (zum Großteil) die „Odyssee“, sowie Vergils „Aeneis“ trägt ein allwissender Erzähler vor. Das ist nicht weiter verwunderlich, immerhin war die Literatur damals eine göttliche Kunst und die Dichter waren mit den Musen, den Kunstgöttinnen der Antike, im Bund. Wer von Affären auf dem Olymp, dem tragischen Schicksal des Achill oder der verheißungsvollen Zukunft des Aeneas erzählen wollte, musste es also fast zwangsläufig aus einer allumfassenden Perspektive tun.

Doch nimm einmal einen beliebigen Thriller vom Bestsellertisch deines Buchhändlers. Du wirst keinen auktorialen Erzähler finden. Denn in der Belletristik bleiben die Figuren durch die auktoriale Perspektive distanziert und unsere Möglichkeit, uns mit ihnen zu identifizieren, leidet. Überraschende Wendungen, Spannungsbögen, die Herzrasen auslösen, die Leser abholen und mitnehmen, sind damit kaum machbar. Kurz gesagt: Die Geschichte kann dadurch schnell langweilig werden.

Es gibt sehr wohl Genres abseits der klassischen Spannungsliteratur, für die sich die auktoriale Erzählweise anbietet. Wo du sie in der modernen Literatur noch finden kannst und in welchen Fällen du doch darüber nachdenken solltest, die auktoriale Perspektive zu wählen, darüber schreibe ich in meinem nächsten Eintrag.

 

(Maximilian Hauptmann)

 

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