(Von Maximilian Hauptmann, Lektor)  Gott spielen: Was nach dem Experiment eines exzentrischen Wissenschaftlers klingt, fasst die Kritik an der auktorialen Perspektive ganz gut zusammen.Du bist als Erzähler oder Erzählerin in dieser Perspektive überall gleichzeitig, kennst die Gefühle aller Protagonisten und jedes ihrer Geheimnisse. Wie ich schon im zweiten Teil dieser Serie geschrieben habe, wird diese Perspektive in der modernen Literatur immer seltener. Sie gilt als zu langatmig, zu unspannend, zu unkonzentriert.

Doch sie hat auch Vorteile. Du kannst damit jeden Charakter bis in sein Innerstes ausleuchten, allen Charakteren gleichzeitig folgen und damit ein Panorama an Figuren schaffen, wie es etwa der französische Schriftsteller Honoré de Balzac in seinem 88 Bände umfassenden Hauptwerk „Die menschliche Komödie“ getan hat. Du kannst mit dieser Perspektive die Welt in ihrer Gleichzeitigkeit und in ihrem Chaos einfangen, oder es zumindest versuchen.

Zudem schafft es keine Perspektive so gut, uns ein Gefühl des „Epischen“ zu vermitteln. Vor allem Autoren von Fantasy-Epen, die ein mittelalterliches Setting kreieren, verwenden sie deshalb noch gerne.

Das beste Beispiel für einen modernen Roman, der sich einer auktorialen Erzählweise bedient, ist Don DeLillos „Unterwelt“. In seinem langen Prolog macht DeLillo ein Baseballstadion zum Raum für unzählige Charaktere, die in dieser Geschichte nichts verbindet, außer dieses besondere Spiel. Doch selbst DeLillo wechselt in seinem Roman die Perspektiven, die auktoriale Erzählform alleine ist ihm zu wenig.

Du kannst wie DeLillo Teile deines Romans in der auktorialen Perspektive schreiben, etwa den Einstieg, um deinen Lesern einen Überblick über Ort, Zeit und Charaktere zu geben, oder Informationen nennen, die du deinen Charakteren noch vorenthältst. Wozu das gut ist, kannst du hier lesen. Auch beliebt: ein auktorialer Erzähler, dessen Allwissenheit im Verlauf der Handlung infrage gestellt wird. Mehr dazu findest du in meinem nächsten Beitrag zur personalen Perspektive.

Du siehst jedenfalls, dass die auktoriale Perspektive noch nicht ganz ausgestorben oder unbrauchbar geworden ist. Solange du aufpasst, dass dir die Geschichte nicht zu sehr entgleitet oder du mit Wissen um dich wirfst, das für die Geschichte nicht relevant ist, kann sie noch immer interessant sein.

Manchmal wird die auktoriale Perspektive mit der personalen verwechselt. Dass diese Verwechslung Absicht sein kann und was das für deine Geschichte bedeutet, kannst du im nächsten Teil lesen.

TEILEN: Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Email to someone

KOMMENTARE