(von Bernhard Salomon, Verleger) Ich werde noch lange an ein Gespräch denken, das ich zu Beginn meiner Laufbahn als Verleger mit der Chefin eines großen österreichischen Buchverlages führte.„Ist das nicht ein tolles Thema und wunderschön gemacht?“, sagte sie, in dem sie einen Bildband auf den Glastisch ihres eleganten Büros legte. „Und was glauben Sie, wie viel wir davon verkauft haben? Siebzig Stück. Das soll mir einmal jemand erklären.“

Es war ein Buch über die heiligen Berge dieser Welt. Alle wichtigen waren darin vertreten. Sie waren offenbar alle nach dem gleichen Schema gut beschrieben und dazu gab es schöne Fotos. Ich dachte schon damals, dass ich dieses Buch auch nicht kaufen würde. Wenn ich etwas über die heiligen Berge wissen wollen würde, würde ich googeln und dabei sicher mehr Informationen und mehr Bilder finden, als dieses Buch um mehr als 20 Euro bot.

Genau das gleiche gilt für alle Sachbücher klassischer Bauarbeit. Sie sind so gut wie überflüssig geworden. Moderne Sachbücher funktionieren anders. Meist sind sie Mischungen aus Tatsachenromanen und und Thesenbüchern. Ein Mensch, der sich mit einer Sache intensiv beschäftigt hat, erhebt eine These, erzählt, wie er darauf gekommen ist und belegt sie mit eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und objektivierten Informationen.

Würde mir jemand erzählen, wie er die fünf wichtigsten heiligen Berge bestiegen hat, welche spirituellen Effekte das auf ihn hatte und wie sich dadurch sein Leben verändert hat, würde ich dieses Buch schon eher lesen, immer mit dem Hintergedanken, ob ich vielleicht auch die Bergschuhe aus dem Keller holen sollte, um den großen Wahrheiten des Lebens näher zu kommen.

Dabei gewinnt das erzählerische Moment bei Sachbüchern jedes Jahr an Bedeutung. Zum Beispiel entdecken derzeit die besten Sachbuchautoren das Arbeiten mit Cliffhangern, mit einem Instrument also, das bisher der Spannungsliteratur vorbehalten war. Und da wir gerade bei Cliffhangern sind: Mehr zum Thema Cliffhanger im Sachbuch in einem meiner nächsten Beiträge.

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