In die erste Prüfung eines Manuskriptangebotes investiere ich zwanzig Sekunden. Wenn ein Angebot zwei der folgenden Kriterien erfüllt, lehne ich es meistens ab, ohne eine Zeile davon zu lesen.

1. Der Autor liefert ein Cover mit. (Weil er seine Kreativität an der falschen Stelle investiert und sein Manuskript anscheinend für etwas Fertiges hält, obwohl es selbst bei Annahme nur ein Anfang sein könnte.) Gleiches gilt für gelayoutete Manuskripte.

2. Der Autor erklärt, dass sein Buch schon im Selfpublishing erschienen ist und dort mit 200 verkauften Stück auch ganz schön erfolgreich war. (Weil zwar 200 Stück tatsächlich nicht schlecht sind, das Buch aber nun seine, wenn auch kleine, Chance schon hatte und offenbar nicht nutzte.)

3. Das Anschreiben enthält Smileys. (Weil Smileys in einer Branche, deren Geschäftsmodell die deutsche Sprache ist, nichts verloren haben und darauf hinweisen, dass der Autor sich in dieser Sprache nicht differenziert ausdrücken kann oder will.)

4. Der Text enthält Hervorhebungen durch Schriftschnitte, Großschreibungen, Unterstreichungen oder Schriftfarben (Weil der Autor offenbar nicht in der Lage ist, mit der Sprache allein auszukommen, und nicht bemerkt hat, dass derlei in Büchern kaum vorkommt.)

5. Das Anschreiben beginnt mit „Sehr geehrte Damen und Herren …“. (Weil der Autor das Manuskript offenbar an viele Verlage geschickt hat und nicht professionell genug war, Namen zu recherchieren.)

6. Am Anfang des Exposés steht der Satz: „Der Text beginnt mit einer Rückblende.“ (Weil der Autor nicht weiß, dass die meisten Verleger und Lektoren, ebenso wie die meisten Filmproduzenten, Rückblenden hassen.)

7. In der E-Mail oder im Exposé steht der Satz „Ich schreibe so ähnlich wie Bret Easton Ellis“ oder ein anderer Vergleich mit einem bekannten Autor. (Weil der Autor offenbar noch keinen eigenen Stil entwickelt hat.)

8. Das Manuskript oder gar das Exposé beginnt mit einem vorangestellten Zitat. (Weil der Autor damit meist versucht, sich zu überhöhen, und ich mich frage, warum er das nötig hat.)

9. Der Autor stellt nicht sofort klar, um welches Genre es sich handelt. (Weil ich vermute, dass er es selbst nicht so genau weiß und die Spielregeln eines Genres deshalb weder angewandt hat, noch sie gut genug kennt, um sie brechen zu können.)

10. Jemand schreibt oder lässt anklingen, mit welcher Euphorie er an dem Werk gearbeitet hat. (Weil Schreib-Euphorie ein Zustand ambitionierter Laien ist, der dann auftritt, wenn der Gesamtprozess noch Lücken hat. Denn Schreiben bedeutet, die eigene Kreativität mit dem eigenen Intellekt zu steuern und dabei die Leser, die Rechercheergebnisse, die Dramaturgie sowie die Erfordernisse der Sprache im Kopf zu haben, und dieser Prozess fordert so stark, dass für Euphorie kein Platz bleibt.) (BS)

TEILEN: Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Email to someone

KOMMENTARE