Wer einmal erkannt hat, wie viel ein Tagebuch für das eigene Leben bringt, führt oft Jahre oder ein Leben lang eines. Was ein richtiges Tagebuch sein will, ist dabei von Hand geschrieben. Denn der Stift, die Tinte auf dem Papier und das beschriebene Blatt ergeben eine andere Wirkung als Getipptes am Bildschirm.

Es gibt Blogger, meist Anfänger, die ihre Blogs als öffentliche Tagebücher führen. Was ein Widerspruch in sich ist. Denn was öffentlich ist, ist kein Tagebuch mehr. Selbst wenn mancher großer Geist sein Tagebuch mit dem Hintergedanken geführt zu haben scheint, dass es posthum veröffentlicht wird, ändert der Gedanke, dass die Worte nicht nur für das Tagebuch sondern für die Öffentlichkeit bestimmt sind, alles.

 

Dieser Gedanke ändert sowohl den Schreibprozess als auch dessen Ergebnis und die Wirkung von beidem auf den Verfasser. Wer sein Tagebuch mit dem Hintergedanken an die Öffentlichkeit schreibt, ist nicht mehr ganz bei sich. Liest er später einmal nach, wird er es mit dem Gefühl tun müssen, sich an manchen Stellen selbst belogen zu haben und vielleicht nicht mehr genau wissen an welchen.

 

Oskar Wilde fand, alle Menschen sollten ein Tagebuch führen, weil nichts spannender zu lesen ist. Ich finde, zumindest du als Autor solltest ein Tagebuch führen. Weil keine andere Form des Schreibens dich dir als Autor so nahe bringt, und weil du die Erfahrung dieser Nähe zu dir brauchst, um die Nähe zu deinem Publikum zu finden.

 

Als Berufsautor stehst du immer unter Druck, bestimmte Zielgruppen möglichst gut zu erreichen, Stimmungen möglichst gut einzufangen, Erwartungen an deinen Text zu befriedigen, um möglichst viele Leser zu finden. Als Anfänger stehst du unter Druck, das alles zu lernen, um Publikationsmöglichkeiten, zum Beispiel einen Verlag, zu finden. So ganz lässt sich dieser Gedanke beim Schreiben nicht ablegen.

 

Außer du schreibst Tagebuch. Schließt du die Welt aus, merkst du, wie Hürden wegfallen, wie du aus dir herausgehen kannst, was dabei alles zum Vorschein kommen kann und wie selbstverständlich und natürlich du auf einmal formulierst. Du merkst, wie sehr du dich beim Schreiben spüren kannst und wie du dich dabei anfühlst. Diese Erfahrung kannst du dann abrufen, wenn du einen für die Öffentlichkeit bestimmten Text schreibst. Deine Leser werden es dir danken.

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