(Von Bernhard Salomon, Verleger) Autoren moderner Romane erzählen meist jedes Kapitel aus der Perspektive einer bestimmten Figur. Das heißt, sie sind nicht Gott, der in alle Figuren gleichzeitig blicken kann, sie können immer nur in diese eine Figur blicken. Sie kennen deshalb nur die Gedanken und Gefühle dieser einen Figur.  

Manchmal entsteht dennoch der Bedarf für einen Blick in eine andere Figur, etwa im Rahmen eines Dialogs. Nehmen wir zum Beispiel diesen hier:

Ich muss ihm irgendwie sein Geheimnis entlocken, dachte ich. Ich lehnte mich an die Reling von Robs Yacht und deutete auf die Kajüte. „Lust auf einen Drink?“, fragte ich.
Rob bewegte sich nicht. Er wusste nur zu gut, dass Alkohol seine große Schwäche war und schon oft genug seine Zunge im falschen Moment gelöst hatte. „Jetzt gerade nicht“, sagte er und deutete auf die Bucht, die vor uns lag. „Ich schwimme dann mal lieber eine Runde.“

Derlei ist ein klassischer Perspektivenfehler. Ich bin von meiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler, ins Innenleben ihres Gegenübers geschlüpft und habe dessen Gedanken gelesen, als wäre ich Gott.

Was also tun, um die Situation zu retten? In solchen Momenten kommt immer das gleiche Wort oder eins seiner Synonyme ins Spiel. Es lautet „offenbar“, oder zum Beispiel „anscheinend“. Denn eine Vermutung über die Gedanken ihres Gegenübers anzustellen, steht jeder Figur immer zu. Hier die gleiche Szene noch einmal in der korrekten „offenbar“-Version.

Ich muss ihm irgendwie sein Geheimnis entlocken, dachte ich. Ich lehnte mich an die Reling von Robs Yacht und deutete auf die Kajüte. „Lust auf einen Drink?“, fragte ich.
Rob bewegte sich nicht. „Jetzt gerade nicht“, sagte er und deutete auf die Bucht, die vor uns lag. „Ich schwimme dann mal lieber eine Runde.“
Fehlanzeige, dachte ich. Rob wusste offenbar nur zu gut, dass Alkohol seine große Schwäche war und schon oft genug seine Zunge im falschen Moment gelöst hatte.

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