(Von Bernhard Salomon, Verleger) Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich als junger Wirtschaftsjournalist den erfolgreichen Immobilienunternehmer Günter Kerbler kennengelernt. Der sagte damals einen Satz zu mir, der mir für die nächsten zwanzig Jahre nicht mehr aus dem Kopf ging: Er brauche sich nur an ein Haus anzulehnen, um zu wissen, ob es eine gute Rendite bringen würde oder nicht. Ich fragte mich, ob das eine Folge von Erleuchtung oder Arroganz ist.

Als Verleger habe ich es jeden Tag mit potentiellen Autoren, Ghostwritern und Lektoren zu tun. An guten Tagen traue ich mir nach einigen Jahrzehnten in der Schreibbranche zu, aus einer kurzen Begegnung mit einem Menschen auf sein schreiberisches Können zu schließen. Jüngst habe ich einem Interessenten für Ghostwriting nach einem halbstündigen Gespräch deshalb einen großen Auftrag gegeben. Er war selbst ziemlich verwundert.

Hat das mit Arroganz zu tun? Erleuchtung ist es jedenfalls nicht. Vielleicht ist Schreiben eine Tätigkeit, die einen Menschen tatsächlich so verändert, dass es mit einiger Erfahrung von außen sichtbar wird. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass schreibende Menschen zwangsläufig belesener sind, reflektierter mit sich und der Welt umgehen und intelligenter sind als der Durchschnitt, was sich auf eine bestimmte Form in ihrem Charisma ausdrückt.

 

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