(Von Maximilian Hauptmann, Lektor)  Heute möchte ich über ein literarisches Stilmittel schreiben, das von vielen genutzt, aber von wenigen in seiner Komplexität erkannt und geschätzt wird: die Intertextualität. Mit diesem Fachbegriff können Sie nicht nur in Ihrem Literaturclub angeben – er eignet sich auch wunderbar für das Schreiben.

Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl, dass alles, was Ihnen einfällt, bereits dagewesen ist. Dass Ihnen ein anderer Autor zuvorgekommen ist mit Ihrer Idee oder Ihrer Geschichte. So etwas kann einem ganz schön den Tag versauen – und eine große Hemmung auslösen, überhaupt etwas zu schreiben. Denn noch viel zu oft glauben wir, dass Kreativität bedeutet, etwas vollkommen Neues aus dem Nichts, aus dem dunklen Unterbewusstsein hervorzuzaubern. Inspiration wird für eine spontane Eingebung gehalten, die den Künstler überwältigt und ratlos zurücklässt. Unabhängig von der Tatsache, dass eine solche Art von Inspiration nichts über die Begabung oder die Fertigkeiten eines Künstlers aussagen würde, ist sie, wenn nicht gar ein Hirngespinst, so zumindest bloß ein unnötiges Hindernis. „Man macht keine Filme im Abstrakten“, hat der französische Regisseur Jacques Rivette (im Bild) gesagt, „das ist falsch. Man macht Filme immer in Bezug auf andere Cineasten.“

Bereits zu Rivettes Blütezeit, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, kursierte diese Vorstellung des Künstlers als Produzent unerklärlicher Ideen. Damit wollten einige Leute aufräumen, so zum Beispiel die französische Literaturtheoretikerin Julia Kristeva. Sie brachte den Begriff der Intertextualität auf (im Rückgriff auf Michael Bachtin, ein anderer sehr interessanter Literaturtheoretiker – hier mehr über ihn). Für sie war jeder Text, jeder literarische Satz, bloß ein Zitat, ein Verweis auf einen anderen Text, gar auf ein anderes Buch, wenn Sie so wollen. Sie ging davon aus, dass Schreiben „aus dem Nichts“ romantischer Blödsinn war. Kein Autor kann sich von den Büchern, die er gelesen, oder den Filmen, die er gesehen hat, befreien, und sie werden ihn beeinflussen, ob er will oder nicht. Kristeva trieb das auf die Spitze und sprach überhaupt allen Texten ihre Originalität ab (eine ähnliche Theorie hatte Roland Barthes entwickelt, wie Sie hier lesen können).

Egal was man von der Idee hält, sie nahm großen Einfluss auf die Literaturschaffenden in aller Welt. Und aus der Theorie wurde ein Stilmittel. Anstatt möglichst penibel Zitate oder Kopien anderer Werke zu vermeiden, und die Peinlichkeit zu riskieren, sich doch bei einem anderen Autor zu bedienen, drehten die Autoren den Spieß jetzt um. In der Epoche der sogenannten Postmoderne machten sich Autoren geradezu einen Spaß daraus, so viele Anspielungen wie möglich in ihren Werken zu verstecken. James Joyce verwendet in „Ulysses“ auf so gut wie jeder Seite Teile aus Homers „Odyssee“, aber auch Autoren wie Thomas Pynchon, D. F. Wallace, Roberto Bolaño und nicht zu vergessen Umberto Eco machten aus der Not eine Tugend. Kopieren wurde zum Zeichen von Originalität. Nach der Maxime „gut kopiert ist halb erfunden“ nahmen die Verweise quer durch die Literaturgeschichte im späten 20. Jahrhundert rapide zu. Jorge Luis Borges ging so weit, eine fiktive Geschichte über einen Autor zu verfassen („Pierre Menard“), der den gesamten „Don Quijote“ Zeile für Zeile neu schrieb.

Aber diese Intertextualität ist kein rein modernes Phänomen. Bereits Aristoteles plädiert mit seiner Mimesis-Theorie für hochwertige Kopien, Horaz schließt sich ihm in der „Ars poetica“ an – nach dem diskutablen Motto: „Bevor du überhaupt nicht schreiben kannst, schreib so wie jemand, der es kann“ – und Miguel de Cervantes spielt in seinem „Don Quijote“ auf so ziemlich die gesamte Mittelalterliteratur an, einschließlich seiner eigenen Texte. Sie sehen also, diese Tradition währt schon so lange, wie es Literatur überhaupt gibt.

Ich will Sie nicht dazu animieren, nicht auf eigene Ideen zu vertrauen oder blind alles zu kopieren, was Sie irgendwie gut finden. Aber haben Sie keine Angst, Anspielungen oder kleine Zitate in Ihre Werke einzubauen. Wie immer bei qualitativ hochwertiger Literatur gilt: je subversiver, desto besser. Kann der Leser das Buch genießen, ohne die Anspielungen zu verstehen, weil sie sich nahtlos in Ihre Handlung einfügen, während sie einem Eingeweihten eine weitere Dimension eröffnen, dann haben Sie es zur Meisterschaft gebracht.

Schon Picasso wusste: „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen.“ Damit meinte Picasso nichts anderes als die intensive Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern, dass modifizieren bereits bestehender Stilmittel und Formen, so dass er sie in einer noch nie dagewesen Form auf die Bildfläche bringen konnte.

Nehmen Sie sich seinen Ausspruch zu Herzen. Immerhin wird Pablo Picasso weltweit verehrt – als einer der originärsten Künstler aller Zeiten.

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