(Von Bernhard Salomon, Verleger)  Du hast gerade eine Kurzgeschichte, einen Essay, eine Reportage einen Werbetext oder vielleicht sogar einen Roman geschrieben. Du magst deinen Text und wenn du ihn liest, fällt dir nichts auf, das du verbessern könntest?Wenn du deshalb glaubst, dass er fertig ist, irrst du aber wahrscheinlich. Nur wenige Menschen können einen Text so hinschreiben, dass er nach einmal drüber lesen fertig ist.

In den Jahrzehnten, in denen ich Kurzgeschichten, politische Reden, Pressetexte, Marketingtexte, Kurzmeldungen, Reportagen, Kolumnen, Romane, Sachbücher und Tatsachenromane schrieb, habe ich es zu schätzen gelernt, wenn der, bei dem ich den Text abgab, sagte: „Recht gut, aber kannst du das kürzen?“

Es gibt keinen Text, der sich nicht um 25 Prozent kürzen ließe, ohne dass er dabei besser würde. Stell dir also vor, dass ein Lektor oder ein Ressortleiter dich beauftragt haben, deinen Text um 25 Prozent zu kürzen, oder dass dein Text in eine Maske passen muss, in der nicht mehr Platz ist. Zähle die Zeichen inklusive Leerzeichen und kürze um exakt 25 Prozent. Du wirst sehen: Beim ersten Absatz fällt es dir noch schwer, weil es gerade für Anfänger schwer ist, sich von dem einmal Geschriebenen zu trennen, dann beginnt es richtig Spaß zu machen.

Am Tag darauf stell dir vor, dass dein Lektor sagt, dein Text wäre gut, aber um genau 25 Prozent zu kurz, oder dass dein Ressortleiter sagt: „Die Story ist spannend, die machen wir größer.“ Es gibt keinen Text, der sich nicht um 25 Prozent verlängern ließe, ohne dass er dabei besser würde.

Verlängere deinen Text jetzt also um exakt 25 Prozent. Du wirst feststellen, dass dir die 25 Prozent, die du gekürzt hast, gar nicht mehr einfallen. Die waren überflüssig, und Überflüssiges merken wir uns nicht. Frage dich: Welchen Gedanken kann ich ergänzen, welchen genauer ausführen, welche Pointe besser herausarbeiten, wo kann ich meine eigene erzählende Stimme mutiger erheben?

Wenn du damit fertig bist, mach das im Abstand von jeweils einem Tag (oder bei kurzen Texten von jeweils einer Kaffeepause) noch einmal und dann noch einmal.

Nein, das ist keine Sysiphusarbeit, das ist professionelles Schreiben. Ernest Hemingway hat einmal gesagt, dass er seine Texte bis zu vierzig Mal überarbeitet hat. Ich selbst habe noch nie einen Text verkauft oder publiziert, den ich nicht mindestens zehnmal überarbeitet habe. Zudem wird bei dieser Jo-Jo-Methode nicht nur dein Text professioneller, du sammelst dabei wertvolle Erfahrungen beim Umgang mit dem geschriebenen Wort.

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