(Von Maximilian Hauptmann, Lektor)  Endlich das Mädchen küssen, in das Sie schon Ihre ganze Pubertät über verliebt sind? Zum ersten Mal den afrikanischen Sonnenaufgang über der schlafenden Sahara betrachten? Ihr erstes Buch in Händen halten? Viele würden behaupten, das alles sind unbeschreibliche Momente.Und doch versuchen wir immer wieder, sie zu beschreiben – was zu Schreibblockaden und Depressionen führen kann. Denn worüber lohnt es sich zu schreiben, wenn wir die wichtigsten Dinge doch nicht sagen können? Im heutigen Blogeintrag lesen Sie, was das überhaupt bedeutet – über das Unbeschreibliche zu schreiben.

Viele Autoren kennen das Problem: die wichtigste Szene des Romans, eine Szene, die möglicherweise schon von Anfang an im Kopf war, die überhaupt erst den Grundstein zu einer Geschichte gelegt hat – und endlich ist es soweit, die Szene wird geschrieben. Doch plötzlich lehnt sich der Autor zurück, greift sich an die Stirn und denkt nach. Wie beschreibt er bloß das Gefühl, das seinen Protagonisten überkommt? Wie kann er die Beobachtungen seines Helden in adäquaten Worten wiedergeben? Der Autor kommt nach langem Überlegen zu einer erschütternden Erkenntnis: er kann es nicht. Es ist schlicht unbeschreiblich.

Vielleicht behilft sich der Autor dann mit Worten, die so nahe wie möglich an das herankommen, was er empfindet oder zu empfinden glaubt. Manchmal artet die Beschreibung dann in eine Aneinanderreihung von Adjektiven der Superlative aus. Zufrieden ist der Autor aber in keinem Fall – jedes Mal, wenn er die Szene erneut liest, wird er etwas verändern, ohne das Gefühl zu bekommen, die richtigen Wörter gefunden zu haben. Eben weil die Szene – ich wiederhole mich – unbeschreiblich ist.

Bei diesem Problem angelangt kann der Autor schnell den Mut verlieren. Um ein Zitat von Wittgenstein zu bemühen, das eigentlich viel zu bekannt ist, um wahr zu sein: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Natürlich kann ich Ihnen kein Allheilmittel für das Schreiben unbeschreiblicher Momente geben, aber ich möchte es mit einem Satz von Mark Twain (Foto) versuchen. Der hat einst behauptet: „Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“

Was sind in diesem Fall die falschen Wörter? Ganz einfach: die Wörter, die ausdrücken sollen, was Sie oder Ihr Held empfinden (Empfindungen, die Sie nicht in Worte fassen können). Was bleibt übrig? Die Wörter, die ausdrücken, was tatsächlich passiert.

Um bei einem Beispiel zu bleiben, das ich eingangs erwähnt habe: wenn Sie nach harter Arbeit endlich Ihr erstes Buch in Händen halten, dann werden Sie Gefühle und Gedanken überkommen, für die Sie keinen Ausdruck finden – lassen wir diesen Teil also weg. Aber was passiert, dass lässt sich nicht nur ausdrücken, sondern sogar ziemlich gut beschreiben: Wie Sie das Buch überreicht bekommen; welchen Ausdruck Ihr Gegenüber hat, als er es Ihnen überreicht; wohin Sie das Buch dann legen (oder geben Sie es gar nicht mehr aus der Hand?); wie das Buch (für Sie) aussieht.

Mein Vorschlag an Sie ist genauso banal wie wirkungsvoll: Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie sehen, analysieren und beschreiben können; lassen Sie alles „Unbeschreibliche“, alles Unbeobachtbare in solchen Fällen weg. Keep it simple. Werden die alltäglichsten Dinge oft nur dann interessant, wenn der Autor ihnen bisher unentdeckte Seiten abgewinnen kann, so verhält es sich bei unbeschreiblichen Momenten genau andersherum. Der Moment an sich ist schon wichtig genug und kann für sich alleine stehen. Der Leser wird verstehen, ja, wird fühlen, was Sie ihm mitteilen wollen, eben wenn Sie nicht versuchen, ihm Ihre ohnehin unbeschreiblichen Gefühle aufzuzwingen. Am liebsten genießt jeder für sich selbst, vor allem ein gutes Buch.

Auch so werden Ihnen natürlich noch genug Szenen begegnen, die Ihnen Kopfzerbrechen bereiten oder Sie in die Verzweiflung treiben, die Ihnen nicht perfekt genug vorkommen. Hier kann ich Ihnen nur folgendes raten: Perfektion, und das ist eine weit verbreitete und fatale Annahme, wird niemals vom Autor erschaffen, sondern vom Leser, von jedem einzelnen und nur für ihn selbst. Hier wären wir wieder bei dem, was die Faszination der Literatur ausmacht – etwas, das wohl für immer unbeschreiblich bleiben wird.

 

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