(Von Bernhard Salomon, Verleger) Wegen der bevorstehenden Geburt seiner Tochter kommt ein Arzt nach einem langen humanitären Einsatz an der türkisch-syrischen Grenze heim.  Als er im Morgengrauen seine Wohnung betritt, ist seine schwangere Lebensgefährtin spurlos verschwunden. In Sorge ruft er ihren gemeinsamen Freund Georg an. „Weißt du, wo Hanna ist?“, fragt er ihn.
„Nein“, antwortet Georg schlaftrunken. „Ich habe sie seit Wochen nicht gesehen und nichts von ihr gehört.“

Diese Romanszene hat eine kleine aber lästige Schwäche, die vor allem in den Romanen von Nachwuchsautoren verbreitet ist. Das „nein“ ist überflüssig und stört. Richtig, oder jedenfalls besser, lautet der Dialog so:

„Weißt du, wo Hanna ist?“, fragte er.
„Ich habe sie seit Wochen nicht gesehen und nichts von ihr gehört“, antwortete Georg schlaftrunken.
Das „Nein“ ergibt sich logisch aus dieser Antwort und ist daher überflüssig.

Ein „Ja“ oder ein „Nein“ ist in Dialogen nur dann angebracht, wenn es sich um eine darauf beschränkte Antwort auf eine Entscheidungsfrage handelt. Zum Beispiel in dieser Szene:
Er presste ihm die Mündung seiner russischen SPS an die Schläfe. „Joe“, sagte er. „Ich frage dich das nur ein einziges Mal, also denk gut darüber nach. Willst du leben?“
Joe kniete vor ihm in den Splittern der zu Bruch gegangenen Scheibe. „Ja“, wimmerte er.

Würde der in den Splittern knienende Joe sagen: „Ja. Ich habe drei Kinder“, wäre das „Ja“ schon wieder überflüssig. Seine Antwort „Ich habe drei Kinder“, würde das „Ja“ bereits implizieren.

Wichtig ist das, weil es beim Schreiben immer darum geht, Abenteuer im Kopf zu schaffen. Wenn du ein „Ja“ oder ein „Nein“ im Kopf deiner Leser entstehen lässt, statt es hinzuschreiben, ist das für sie ein kleines dieser Abenteuer, die Lektüre zum Genuss machen.

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