In fast allen Romanen spielen Haare eine Rolle. Zum Beispiel, weil eine Figur mit ihren Haaren etwas tut, sie glatt streicht etwa, oder weil ihre Haare eine bestimmte Farbe haben, kastanienbraun oder aschblond. Ich habe in zwei Romanen, die im Herbst 2016 bei uns erscheinen, nachgezählt: in einem kommen Haare 27 Mal vor (diesen Roman hat ein Mann geschrieben), im anderen 17 Mal (diesen hat eine  Frau geschrieben).

Es gibt drei Arten des Umgangs von Autoren mit Haaren. Eine Gruppe nennt Haare einfach Haare. Diese Gruppe schreibt: Er strich sich seine Haare glatt. Eine andere Gruppe nennt Haare „Haar“. Diese Gruppe schreibt: Er strich sich sein Haar glatt.

Ich schätze Autoren der ersten Gruppe. Haare sind eben Haare. Es ist sprachlich korrekt, Haare „das Haar“ zu nennen. Dennoch habe ich diese Gruppe im Verdacht, einen Zug zum Pathos zu haben, und Pathos ist nun einmal eine typische Schwäche unerfahrener Autoren, die noch nicht auf die Kraft ihrer Geschichte vertrauen können. Ganz abgesehen davon denke ich bei einem Protagonisten, der „sein Haar“ glatt streicht, immer an einen Glatzkopf mit nur noch einem allerletzten Haar, das in meiner Vorstellung dann auch noch besonders dick und ekelhaft ist.

Die dritte Gruppe bilden jene, die sich mit der Frage der Haare noch nicht befasst haben, sich von ihrer Stimmung treiben lassen und einmal „die Haare“ und einmal „das Haar“ schreiben. Abgesehen davon, dass bestimmte Vereinheitlichungen zu den Hausaufgaben von Autoren gehören würden, ist mir diese Gruppe die zweitliebste. Sie ist schlampig, aber es besteht Hoffnung.

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