(von Bernhard Salomon, Verleger)  Wenn zum Beispiel eine Freundin zu dir sagt, dass das Hemd von Herrn Bleibtreu nicht bunt ist, dann entsteht in deinem Kopf ein Bild von einem bunten Hemd.

Dann wirst du dir denken: Aha, so sieht das Hemd von Herrn Bleibtreu nicht aus, sein Hemd ist wahrscheinlich einfärbig. Dein Unterbewusstsein reagiert anders. Es ist taub für das Wort „nicht“. Es versteht also: Das Hemd von Herrn Bleibtreu ist bunt. Wenn dich zu einem Zeitpunkt, zu dem diese Freundin nicht da ist und du das Gespräch mit ihr nicht mehr so genau in Erinnerung hast, jemand auf Herrn Bleibtreu anspricht, entsteht in dir ganz von selbst ein Bild von einem Mann in einem Hawaiihemd.

Weil das Unterbewusstsein für das Wort „nicht“ taub ist, solltest du es auch beim Schreiben nur einsetzen, wenn du genau weißt, was du tust. Wenn du ein bestimmtes Bild in den Köpfen deiner Leser etablieren willst, dann lässt du es besser weg und formulierst den gleichen Satz positiv: Das Hemd von Herrn Bleibtreu ist grün. Im Kopf deiner Leser entsteht ein Bild von einem Mann in einem grünen Hemd, einem Jagdhemd zum Beispiel.

Du kannst aber genau mit dieser Wirkung des „nicht“ auch spielen. Wenn du zum Beispiel einen knorrigen Mann zu einem Fremden „Wir beide werden nie Freunde“ sagen lässt, dann haben deine Leser unbewusst das Gefühl, dass der knorrige Alte einen weichen Kern hat und in Wirklichkeit die Freundschaft des Fremden sucht. Wenn du eine hinterhältige Frau mit freundlicher Fassade entwirfst, kannst du sie zum Beispiel sagen lassen: „Seien Sie mir nicht böse.“ Dann werden deine Leser unterbewusst das Gefühl haben, dass sie in Wirklichkeit streit sucht.

Die Wirkung des Wortes „nicht“ beziehungsweise des positiven Formulierens kannst du übrigens jederzeit bei deiner persönlichen Kommunikation testen. Jüngst beklagte zum Beispiel eine Freundin von mir, dass ihr kleiner Sohn nachts noch immer ins Bett machen würde, obwohl sie ihm jeden Tag sagte, dass er das nicht tun soll. Ich nahm den Kleinen, ehe er an diesem Abend schlafen ging, beiseite, und sagte dreimal „heute in der Nacht gehst du aufs Klo“ zu ihm. Er sah mich etwas verwirrt an, doch in dieser Nacht stand er auf und rief nach seiner Mutter. „Mama, ich muss aufs Klo.“ Sie hatte sein Bewusstsein auf „mach ins Bett“ programmiert, ich auf „Klo“.

Wenn du Lust hast, kannst du in diesem Zusammenhang auch über die zehn Gebote nachdenken, und was sie seit Jahrtausenden unterbewusst mit uns machen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Aber das ist dann wohl ein anderes Thema.

 

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