(Von Bernhard Salomon, Verleger) Das Gefühl, dass dein Roman etwas Besonderes ist, einfach weil du ihn geschrieben hast, stimmt. Niemand würde Worte und Sätze genau so aneinanderreihen, wie du es getan hast.  Dein Roman ist einzigartig, weil du einzigartig bist.

Ich verstehe deshalb dein Bedürfnis, ihn einem Verlag anzubieten, sobald du beim Schreiben zu einem Ende gelangt bist. Bedenke aber bitte, dass hinter den jährlich 80.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen mindestens 800.000 nie erscheinende Romane stehen, deren Autoren auch einzigartig sind. Du musst also, um bei dem Rechenbeispiel zu bleiben, mindestens 720.000 Mitbewerber hinter dir lassen, um einen Autorenvertrag zu bekommen.

Interessanter Weise ist das einfacher als du jetzt vielleicht denkst. Denn die wenigsten deiner Mitbewerber machen ihre Hausaufgaben. Sie lassen sich lieber von der trügerischen Euphorie über ihren zu Ende geschriebenen Roman und ihrer Sehnsucht nach einer Rückmeldung zu einer schnellen Einreichung verleiten. Was dazu führt, dass sie nahezu zwangsläufig in der Halde des Vergessens landen.

Wenn du deine Hausaufgaben machst, vervielfachst du deine Chancen, dieser Masse der Hoffnungsvollen aber Planlosen voraus zu sein. Hausaufgaben zu machen bedeutet, dass du folgende Checklist mit den drei wichtigsten Punkten durchgehst, bevor du deinen Roman einem Verlag schickst:

Erstens. Dramaturgie. Hast du dich mit dramaturgischen Grundregeln ausreichend befasst und hält ihnen deine Dramaturgie stand? Ist deine Geschichte richtig aufgebaut? Will dein Protagonist ein klares Ziel erreichen, gibt es einen Antagonisten, der ihn daran zu hindern versucht, entsteht dabei ein Konflikt und eskaliert der Konflikt irgendwann, wonach alles in deiner Geschichte anders ist? Hat dein Protagonist einen inneren Konflikt? Gibt es genug überraschende Wendungen? Holst du deine Leser am Anfang des Romans ab und lässt du sie dann nie wieder los?

Zweitens. Figuren. Kannst du über deine Figuren wirklich alle Fragen beantworten, auch solche, die sich in deinem Roman gar nicht stellen? Sind sie plastisch? Haben sie Wiedererkennungswert? Hast du sie mit eigenen Beobachtungen des Menschlichen genährt oder aus Klischees entwickelt? Wollen deine Leser mehr über sie wissen?

Drittens. Ist dein Roman wirklich gut, ist er schon perfekt? Ich habe mir angewöhnt, Autoren, die mir gerade alles mögliche über ihren Roman erzählt haben, in die Augen zu sehen und ihnen diese Gewissensfrage zu stellen. Sie macht immer etwas mit ihnen. Fast alle blicken nach innen und schütteln dann den Kopf. Fast allen fällt ein, was noch besser ginge, welche Schwächen sie verdrängt haben,  meist wegen eben jener Sehnsucht nach einer Rückmeldung.

Wenn ich diese Checklist abarbeite, brauche ich noch zehn Jahre, bis ich meinen Roman einreichen kann, denkst du jetzt vielleicht. Das kann sogar stimmen, aber das ist eben der Unterschied zwischen jenen, die ihre Hausaufgaben machen und eine Chance haben, und jenen, die sie nicht machen und keine haben. Schreiben ist einfach, weil du ab dem Moment, in dem du damit anfängst, zu lernen anfängst, schreiben ist aber auch schwierig, weil es so viel zu lernen gibt.

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