Als ich noch selbst Romane schrieb, fragte ich meine Lektorin bei Ullstein, warum der Verlag keine nennenswerte Pressearbeit für meine Bücher macht. „Weil es eigentlich nichts bringt“, sagte sie. „Was bringt dann etwas?“, fragte ich sie. Sie dachte eine Weile nach. „Vielleicht Lesungen, aber ich weiß es nicht genau“, sagte sie. „Manche Romane setzen sich durch, andere nicht.“ Wenig später machte sie Karriere und wurde eine mächtige Frau im deutschen Verlagswesen.

Jüngst wandte sich ein Belletristik-Autor eines anderen Verlages an mich. Er hatte gesehen, dass wir für unsere Sachbuch-Autoren effektive Pressearbeit machen und beklagte sich, dass sein Verlag zu wenig für ihn täte. „Würden Sie mir verraten, was Sie über die Vermarktung von Romanen wissen?“, schrieb er mir.

Vergangene Woche war ich in München und sprach mit Claus-Martin Carlsberg und Alexander Elspas über diese Frage. Carlsberg betreut unsere Autoren in der Pressearbeit für Deutschland und Elspas kümmert sich ebendort um unseren Vertrieb. Beide sind Profis und kennen das Buchgeschäft besser und länger als ich. Der Tenor des Gespräches: Das Geschehen in der Literaturberichterstattung dreht sich zu 95 Prozent um die Stars und nur einige wenige Journalisten sind für Neues ansprechbar. Die zu gewinnen ist von Vorteil, doch wie groß dieser Vorteil ist, bleibt fraglich. „Auf jeden Fall ist es in der Vermarktung von Vorteil, wenn der Roman gut ist“, sagte Carlsberg noch.

Martin Treml, unser österreichischer Key-Account-Manager, der die Branche ebenfalls schon seit Jahrzehnten kennt, sagte bei einer anderen Gelegenheit zu dem Thema: „Bei erfolgreichen Romanen passiert immer etwas. Der Autor gewinnt einen Preis. Ein bekannter Literaturkritiker empfiehlt ihn. Irgendetwas in der Art. Auf einmal geht es dann los.“ Thomas Glavinic hat mir einmal erzählt, dass sein Roman „Der Kameramörder“ mehr als ein Jahr in den Buchhandlungen vergammelte, ehe er den Friedrich-Glauser-Preis gewann und ein Bestseller wurde.

Ich wollte dem Autor, der mit seinem Schreiben an meine Kompetenz als Verleger apelliert hatte, etwas Unumstößliches mitteilen, aber was wusste ich nun eigentlich wirklich nach all den Jahren über das Vermarkten von Romanen? „Ehrlich gesagt weiß ich gar nichts“, schrieb ich ihm. „Ich habe allerdings acht Vermutungen:

 

  1. Ich glaube, dass Pressearbeit nützlich sein kann, weshalb wir mit Spezialisten für Österreich und die Schweiz sowie für Deutschland intensiv daran arbeiten. Diese Spezialisten tun sich leichter etwas daraus zu machen, wenn ein Roman ein aktuelles Thema hat.

 

  1. Ich glaube, dass die wichtigste Kaufmotivation durch Mundpropaganda zufriedener Leser entsteht. Jemand sagt: Kennst du den neuen Roman von Sowieso schon? Den musst du lesen!

 

  1. Ich glaube, dass Social-Media-Aktivitäten dieser Mundpropaganda am nächsten kommen, weshalb wir unser Wissen und unsere Möglichkeiten in diesem Bereich mit Hilfe von Online-Netzwerken und Literatur-Bloggern ständig ausbauen und ein Social-Media-Budget für jedes Buch festlegen.

 

  1. Ich glaube, dass die Mundpropaganda umso besser anspringen kann, je stärker der Vertrieb eines Verlages ist, weil dann von Anfang an mehr Bücher in den Buchhandlungen sichtbar sind.

 

  1. Ich glaube, dass Literaturpreise dieser Mundpropaganda dienlich sind, weshalb wir gemeinsam mit unseren Autoren die Romane bei allen passenden Preisen einreichen.

 

  1. Ich glaube, dass sich besonders die Bücher unbekannter Autoren umso rascher aus den Buchhandlungen hinaus bewegen, je besser das Buchcover und der Rückentext auf die Erwartungen und Wünsche von Lesern abgestimmt sind.

 

  1. Ich glaube, dass die Verfilmung einem Roman dient, weshalb wir maßgeschneiderte Exposés anfertigen und sie innerhalb unseres Netzwerkes Filmproduzenten anbieten.

 

  1. Ich glaube, dass die sogenannte Ochstentour wichtig ist, weshalb wir unsere Autoren bei der Organisation von Lesungen unterstützen.

 

Ich weiß nicht, was davon wirklich etwas bringt. Nur in einer Sache bin ich mir ziemlich sicher: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Roman, der bei einem engagierten Verlag erscheint, ein Bestseller wird, war dank der Möglichkeiten der modernen Informationsgesellschaft noch nie in der Geschichte der Literatur so groß wie jetzt.“

 

 

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