(Von Bernhard Salomon, Verleger)  Wir Verleger arbeiten mit immer den gleichen etablierten Autoren und alles andere interessiert sie nicht. Diesem unter nachdrängenden Autoren verbreiteten Vorwurf liegt ein gewaltiger Irrtum zugrunde. Wahr ist vielmehr, dass alle Verlage ständig gute neue Romane suchen, denn das ist der Kern ihres Geschäftsmodells. Nichts suchen sie dringender. Daran, dass in den Lektoraten dennoch Jahr für Jahr Tonnen an unverlangt eingesandten Manuskripten ungelesen bleiben, sind die Autoren selber schuld. Sie versenden schlechte oder unfertige Manuskripte mit unprofessionellen Begleitschreiben an die falschen Verlage. So ist die Erwartungshaltung der Verlage an unverlangt eingesandte Manuskripte niedrig und sie haben keine sonderliche Lust, diesen Stapel anzurühren.

Es gibt aber drei Dinge, mit denen du dieses Phänomen durchbrechen kannst und garantiert einen Verlagsvertrag bekommst.

1. Dir muss klar sein, dass du sehr, sehr viel lernen musst, um einen guten Roman zu schreiben. Würdest du je auf die Idee kommen, ohne näheres Wissen über die Tonleiter eine Oper zu komponieren und sie dann zur Aufführung an der New Yorker Metropolitan Opera oder an der Wiener Staatsoper anzubieten? Bestimmt nicht, und einen guten Roman zu schreiben erfordert mehr Wissen als das Komponieren einer Oper. Lerne deshalb verstehen, dass etwas noch lange nicht deshalb ein Roman ist, und schon gar kein fertiger, nur weil es 300 Seiten hat und du es geschrieben hast. Befasse dich mit Dramaturgie, Dialog, Recherche und Figurenentwicklung. Trainiere deine Beobachtungsgabe, deine Inspiration und deinen Umgang mit der Sprache, und das alles nicht ein bisschen nebenbei. Arbeite mit dem deinem, lerne dabei aus Erfahrung und gleiche deine Erfahrung mit dem Wissen ab, das du in Büchern oder bei Experten bekommen kannst. Nimm dir dafür Zeit. Viel Zeit. Angeblich gibt es Autoren, die aus dem Nichts über Nacht ein geniales Buch schreiben, bloß kenne ich keinen. Ich arbeite seit zehn Jahren mit einem Autor, der jetzt allmählich richtig gut wird, und ich hatte während dieser zehn Jahre phasenweise das Gefühl, dass er sich sehr schnell entwickelt.

2. Du musst herausfinden, wer du bist und dich als der, der du bist, akzeptieren, um einen guten Roman schreiben zu können. Dafür brauchst du vielleicht sogar mehr als zehn Jahre. Wenn du es nicht weißt, versuchst du vielleicht krampfhaft, Thriller zu schreiben, in Wirklichkeit wärst du ein hervorragender Verfasser romantischer Liebesgeschichten. Oder du versuchst, im Olymp der Weltliteratur Eingang zu finden und verstrickst dich dabei im Pathos, während du in Wirklichkeit ein Genie im Bereich funktionaler, spannender oder lustiger Gebrauchsliteratur wärest. Um herauszufinden, wer du bist, musst du dich selbst beobachten, beim Denken, Reden und Fühlen, und dann ehrlich genug zu dir sein, um dich von deinen falschen Vorstellungen von dir, die ja alle eine Ursache haben, trennen zu können.

3. Du musst verstehen, dass Schreiben nicht bedeutet, sich irgendwelcher Sätze oder Gedanken in schriftlicher Form zu entäußern. Schreiben bedeutet vielmehr Kommunikation mit einem unsichtbaren Gegenüber. Du musst dieses Gegenüber zuerst einmal wahrnehmen, gleichsam in dir spüren lernen, dann musst du es abholen und durch deine Geschichte mitnehmen, und alles andere in deinem Schreibprozess dieser Beziehung unterordnen. Um einen brauchbaren Text schreiben zu können, musst du bei jedem Satz wissen, was dein unsichtbares Gegenüber gerade weiß, was es erwartet, wie du es überraschen kannst, wie es sich fühlt und was es als nächstes braucht, um weiterlesen zu wollen. Wenn du mit diesem unsichtbaren Gegenüber in Kontakt trittst, hast du 90 Prozent der Einsender unverlangter Manuskripte schon etwas voraus, denn die wenigsten von ihnen wissen, dass es darum geht. Wenn du gelernt hast, deinem unsichtbaren Gegenüber gerecht zu werden, wirst du dich wundern, wie viel in deinen Texten sich ohne dein direktes Wirken ergibt.

Ich weiß, du hättest lieber drei einfache Tricks für den perfekten Roman gehört, und nicht einen Plan, der dein Innerstes nach außen kehrt und vielleicht Jahrzehnte in Anspruch nimmt. Deshalb noch zwei gute Nachrichten. Erstens: Ab dem ersten Tag, an dem du beginnst, diesem Plan zu folgen, wird dir Schreiben mehr Spaß machen als bisher und du wirst ständig kleine Erfolgserlebnisse haben. Zweitens: Vielleicht bist du ja doch das Genie, das über Nacht ein geniales Buch schreibt, das sich wie von selbst durchsetzt. Das solltest du nie ganz ausschließen.

 

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